Blindenführhund Malte erzählt

Blindenhund Malte und sein Frauchen Susanne Aatz
Blindenhund Malte und sein Frauchen Susanne Aatz

Als Blindenführhund durch die Corona-Zeit – Malte erzählt

EIn Beitrag von Susanne Aatz

Muss ich mich wirklich vorstellen?
Es wissen doch alle, was für ein toller Blindenführhund ich bin! „Komm von Deinem hohen Ross herunter!“, sagt mein Frauchen. Ein Hund auf einem Pferd, eine selten dumme Idee! Also gut…

Gestatten, Malte of brown Bank Cottage ist mein Name! Ich bin sieben Jahre alt und begleite seit fast sechs Jahren mein Frauchen Susanne Aatz durchs Leben. Wir wohnen in Hamburg. Ich bin ein schwarzer Labrador, so einer, der den ganzen Tag fröhlich ist, mit dem Schwanz wedelt, alles frisst, und alle Menschen und Hunde toll findet. Die Welt ist schließlich dazu da, um mich lieb zu haben!

Seit einigen Wochen haben wir nun dieses SARS Cov2-Virus am, einige im Hals. Deshalb haben wir jetzt einen Shutdown! Da fällt vieles, was wir gerne tun, aus. Meine Menschen und ich verbringen viel Zeit zu Hause. „Social Distancing“ ist das neue Zauberwort in diesen Zeiten. Wir sollen uns gegenseitig schützen und eine Kurve flach halten. Und ich dachte immer Bälle hält man flach.

Ich sage Euch, es ist ein Hundeleben! Plötzlich dürfen meine Menschen und ich Vieles nicht mehr, was ich doch so gerne tue! Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen und mit Artgenossen spielen und Schabernack treiben. Gerne würde ich mit meinen Menschen mal wieder ins Restaurant oder in ein schönes Konzert gehen. Und natürlich unsere Familien und Freunde treffen. Mindestabstand müssen wir einhalten. Jedes Mal, wenn ich mich über jemanden freue, heißt es „Nein“! Meine Menschen könnten ja anderen zu nah kommen. Und seit neuestem tragen Sie alle so ein komisches Ding im Gesicht! Als ich das erste Mal einen Menschen mit einer Maske gesehen habe, habe ich laut gebellt, so habe ich mich erschrocken! Ich kann gar nicht mehr in den Gesichtern lesen, was die Leute so denken und ob sie okay sind. Und irgendwie riechen die Zweibeiner komisch, so aufgeregt, als hätten sie vor jeder Begegnung Angst. Und sie eschwichtigen sich gegenseitig, und laufen Bögen umeinander. Das haben sich die Menschen bestimmt von uns abgeschaut. Direkt aufeinander zu rennen, ist eine Unsitte. Wir Hunde tun das nicht! Und wenn doch, dann kriegen wir Schimpfe und unsere Artgenossen husten uns etwas – also bildlich gesprochen.

Nun ist mein Frauchen ja fast blind und das macht die Situation nicht einfacher. Gut findet sie, dass sie nicht mehr so oft von wohlmeinenden Menschen ungefragt angefasst wird. Gleichzeitig ist es schwieriger geworden um Hilfe zu fragen. Mit dieser komischen Maske im Gesicht, schweigen die Menschen oft und sind noch unsicherer als sonst. Da kann mein Frauchen den fehlenden Augenkontakt nicht mehr durch ein Lächeln ausgleichen. Auch bekommt sie nicht immer mit, ob jemand einen Bogen um uns gelaufen ist. Jemanden direkt ansprechen ist schwieriger geworden.

Manche Menschen machen auch um mich einen Bogen und glauben, auch ich könnte sie mit dem bösen Virus anstecken. Erst kürzlich hat ein Hygieneinstitut gesagt, dass von uns Assistenz – und Blindenführhunden keine Gefahr ausgeht. Wir dürfen unsere Menschen auch jetzt begleiten. Dass man uns sowieso im Dienst nicht dauernd anfassen, ansprechen oder füttern sollte, gilt ja ohnehin. Denn: wenn wir im Dienst gestört werden, dann geraten unsere Menschen in Gefahr. Sie können sich stoßen, über etwas stolpern, hinfallen und sich weh tun!

Auf unseren langen Spaziergängen schnüffele und laufe ich entweder an der langen Leine oder mit Glocke frei herum. Da halten die meisten Menschen den Mindestabstand ein. Andererseits sind die Menschen so liebesbedürftig, dass sie sich, mehr als sonst, über mich freuen und mich streicheln wollen! Meinem Frauchen gibt aber niemand mehr die Hand. Und Umarmungen sind sowieso gerade verboten. Sehr widersprüchlich diese Zweibeiner!

Meine Menschen führen eigentlich ein offenes Haus! Das geht jetzt so nicht. Es kommen immer die gleichen Leute, und auch die haben dieses Ding im Gesicht und halten Abstand. Echt öde gerade! Was mir bleibt ist, meine Menschen mit meinem Schabernack und meinen Spielereien zum Lachen zu bringen. Das klappt immer und dann fühlen sich alle besser. Frauchen hat seit neuestem ständig das Handy in der Hand. Sie liebt die sozialen Netzwerke, telefoniert, schreibt und verschickt Sprachnachrichten. Und gelegentlich macht sie diese komischen Telefonkonferenzen. Dabei geht es dann auch um Hunde wie mich.

Herrchen war drei Wochen zu Hause, weil seine Firma nicht so genau wusste, wie sie mit dem ganzen Corona-Kram und ihrem blinden Mitarbeiter umgehen soll. Da hat Herrchen sich unwohl gefühlt, und sich krankschreiben lassen. Das war schön für mich, meine liebsten Menschen waren den ganzen Tag da! Jetzt arbeitet Herrchen wieder. Wenn er abends nach Hause kommt, dann freue ich mich riesig!

Gerade in diesen Zeiten freuen wir uns über einen Schnack, natürlich auf Abstand und mit Maske. Also habt keine Scheu, meine Menschen anzusprechen. Ich freue mich dann besonders, und dann darf ich bestimmt von euch gestreichelt werden. Aber fragt mein Frauchen bitte vorher. Ich könnte noch im Dienst sein.

Bleibt gesund und passt gut auf Euch auf, so wie ich auf meine Menschen aufpasse. Es grüßt euch Malte mit Frauchen Susanne Aatz.

(Zuerst veröffentlicht in: “Augenblick Mal“, Ausgabe Juli/August 2020, Alltag & Mobilität)

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